Freitagnacht auf den Azoren
Freitagnacht auf den Azoren 12 Grad, zwei Koffer, ein Rucksack und eine Frage ans Universum Ein ganz normaler Freitagabend auf den Azoren, der mit der Frage ans Universum endete, ob noch andere Menschen so verpeilt sind wie ich. Manchmal frage ich mich das wirklich. Aber der Reihe nach. In meinem Appartement ohne Heizung und bei 12 Grad hatte ich mich mit zwei Decken, einer Wärmflasche und voll angekleidet in meinem Bett bequem gemacht. Der Sturm war so heftig, dass der Wind sogar durch die Ritzen am Fenster wehen konnte und die Gardinen im Raum sich bewegten. Das nur so viel zur Dämmung und dem Traum, im Winter im Süden zu sein. Mein Laptop auf dem Schoß, um mich nach neuen Tiersitting-Aufträgen umzusehen. Wurde Zeit, denn in drei Wochen wusste ich nicht, wo ich übernachten würde. Ich fand auch ein paar Angebote, schrieb meine Bewerbungen und drückte mir selbst die Daumen, diese Tiersitting-Aufträge zu erhalten. Na, dachte ich, vielleicht sollte ich eine neue Plattform ausprobieren. Die war schnell gefunden und so schrieb ich mich ein. Natürlich wurde sofort der Jahresbeitrag fällig und dafür wollte ich meine neue Kreditkarte nutzen.Ach je, ich musste aus dem Bett raus, denn mein Portemonnaie war in der Küche. Bibbernd schnell in die Küche und schnell wieder unter meine Decke, Laptop auf dem Schoß, Geldbörse raus und … wo war denn meine Kreditkarte? Ich wühlte alle Fächer durch. Nichts. Ich leerte das ganze Portemonnaie. Nichts. Komisch. Mein Blick ging zu meinen zwei Koffern. Gut, das hieß wieder ins Kalte hinaus. Aber wenn ich das jetzt nicht klärte, dann würde ich die Nacht kein Auge zumachen. Also durchsuchte ich meine Koffer. Ah, Zahnpasta, super, die war mir am Morgen eh ausgegangen, also gleich rausgelegt. Und wozu war das noch im Koffer? Darum würde ich mich später kümmern. Ach, den Pullover hatte ich auch noch, den hatte ich ja ganz vergessen. Wie ich das zustande bringe, dass ich Dinge mit mir herumtrage und diese vergesse, und das bei zwei Koffern, kann ich mir nie erklären. Aber es ist halt so. Universum, wo finde ich meine Kreditkarte? Während ich alles durchsuchte und nun definitiv alles in Unordnung brachte, fiel mir auch auf, dass mein Reisepass fehlte. Nanu? Mein ganzes Leben hatte ich noch nie einen Pass oder eine Kreditkarte verloren. Ja, ich gebe zu, ganz zu Anfang, so Anfang der 1990iger Jahre, in den Jahren, in denen die Geräte noch nicht piepsten, hatte ich mal eine stecken lassen. Aber die hatte ich halt später wieder abgeholt. Aber so richtig verloren? Ich? Nein. Da stand ich nun mitten im Raum und blickte mich um. Mein Rucksack, prima, da war sicherlich alles drin. Ich fand ein Kabel. Wozu gehörte denn jetzt das Kabel? Gut, packen wir das Kabel zu den anderen. Würde sich schon klären. Weitersuchen, ahhhh der Reisepass, puh, aber keine Kreditkarte. Merkwürdig. Ich nahm noch einmal das Portemonnaie, um nachzusehen – nichts. Das konnte doch nicht sein. Da hatte ich auch keine Idee mehr, wo ich sie finden konnte. Also packte ich alles wieder an den richtigen Ort und brachte die Zahnpasta ins Bad. Dann hatte die Sucherei zumindest einen Sinn. Melde ich mich ein anderes Mal auf der Plattform an. Ich ging zu Bett und bat das Universum um einen Hinweis, wo ich die Kreditkarte finden würde. Licht aus – dann kam das Bild. Sie zeigten mir, dass ich die Kreditkarte ins Portemonnaie gelegt hatte, aber sie zeigten nicht, dass ich sie wieder herausgenommen hatte. Licht an und noch einmal das Portemonnaie durchsucht und dann … da saß sie, ganz friedlich in einem Fach im Portemonnaie. Ich musste so lachen und stellte einfach mal die Frage ans Universum: Gibt es noch mehr Menschen, die so verpeilt sind wie ich?
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