Bunte Schätze

Eine Krafttier-Geschichte über ein farbenfrohes Leben

An einem kleinen Bach, der sich durch ein kleines Gebirge inmitten eines Waldes schlängelte, lebte einst die Libelle Xia. Ihre Flügel schimmerten in den schönsten Farben. Wenn die Sonne auf dem Wasser tanzte, leuchteten ihre Flügel mal in einem Smaragdgrün, mal in einem tiefen Blau. Wenn die Sonne am Abend langsam Platz für den Mond machte, dann sahen ihre Flügel sogar so aus, als wären sie aus purem Gold.

Stundenlang konnte Xia über das Wasser gleiten. Sie liebte es, ihren Bach und seine Bewohner von oben zu betrachten. So sah sie jeden Tag Fritz, die Elster, Hugo, den Biber, Cora, das Reh und noch viele weitere Bewohner, die an und in dem Bach lebten.

Fritz, die Elster, war ein sehr ordentlicher Sammler. Jeden Tag suchte er nach glänzenden Dingen: alten Münzen, Kronkorken, glitzernden Steinchen und silbernen Knöpfen. Diese legte er säuberlich in sein Nest. Er hatte ein eigenes System um seine Schätze zu sortieren. Alles hatte seinen Platz, und egal wann Besucher kamen, sie fanden sein Nest stets sauber und ordentlich vor.

Eines Tages flog Xia näher heran und beobachtete Fritz bei seiner Arbeit.
„Hallo Fritz“, rief sie freundlich. „Was sammelst du denn heute? „

Fritz schaute auf. „Oh, hallo Xia. Ich sammle wie immer meine Schätze. Hier, schau mal. “ Stolz zeigte er eine alte Münze. „Ist die nicht schön glänzend? „

„Ja“, sagte Xia, „aber ist das nicht ein bisschen … langweilig? Immer nur die gleichen silbernen und grauen Sachen? “

Fritz schaute verwirrt. „Langweilig? Aber so macht man das doch. Alle Elstern sammeln glänzende Sachen. Das war schon immer so.“

Xia schwirrte nachdenklich um Fritz herum. „Aber warum machst du nicht mal etwas anderes? Etwas … Bunteres?“

„Buntes sammeln? “Fritz schüttelte den Kopf. „Das macht man doch nicht. Was sollen denn die anderen Elstern denken? „

Xia lächelte. „Fritz, darf ich dir etwas zeigen? „

Fritz ließ sich zögerlich darauf ein. Da er von Natur aus sehr neugierig war, flog er mit Xia mit. Sie flogen zu einer Stelle am Bach, wo besonders viele schöne Sachen lagen: leuchtend rote und blaue Vogelfedern, gelbe Blütenblätter und sogar ein rosafarbener Stein, der seine Farbe durch das Wasser bekommen hatte.

„Schau mal“, sagte Xia, „sind diese Sachen nicht auch wunderschön? “

Fritz betrachtete die bunten Gegenstände mit großen Augen. „Ja … ja, das sind sie wirklich. Aber…“ Er zögerte. „Ich traue mich nicht. Das ist so anders.“

„Weißt du“, begann Xia, „meine Großmutter sagte oft zu mir, ich solle mein Leben mit Farben schmücken. Einfach etwas anders machen als am Tag zuvor. Etwas ausprobieren, was bunt und fröhlich ist.“

„Bunt und fröhlich?“, fragte Fritz neugierig.

„Ja. Stell dir vor, wie aufregend dein Nest aussehen könnte mit all diesen wunderschönen, bunten Schätzen.“

Fritz schaute noch einmal auf die rote Feder. Sie war wirklich wunderschön …
„Na gut“, sagte er schließlich und fasste sich ein Herz, „ich probiere es einmal aus.“ Vorsichtig hob er die rote Feder auf. Sie fühlte sich weich an. Aber dann bekam er Angst, weil er nicht wusste, wie die anderen Elstern reagieren würden.

„Ich … ich verstecke sie erst mal unter meinen anderen Schätzen“, flüsterte er, „falls ich Besuch bekomme.“

Xia kicherte. „Fritz, du musst dich nicht verstecken.“

Aber Fritz war schon dabei, die schöne rote Feder unter seinen grauen Kronkorken zu vergraben.

Am nächsten Tag suchte Fritz wie gewohnt weiter nach Schätzen. Doch ihm fielen immer mehr bunte Dinge auf. Er fand orange und grüne Blätter und violette und gelbe Blütenblätter. Er war auf einmal so aufgeregt, dass er einfach ALLES sammelte, was bunt war.

Einen blauen Bonbonpapier-Fetzen, einen roten Socken (der von einem Spaziergänger liegen gelassen wurde), ein gelbes Gänseblümchen, sogar ein grünes Stück Kaugummi, das jemand fallen gelassen hatte.

„Fritz“, rief Xia amüsiert, „das Kaugummi ist doch kein Schatz.“

„Aber es ist grün“, rief Fritz begeistert und legte es zu seinen anderen bunten Sachen.


Als die anderen Elstern zu Besuch kamen und sein Nest sahen, fingen sie erst mal an zu lachen.

„Fritz sammelt einen alten Socken.“

„Und Kaugummi. Ihhh, das klebt ja.“

„Was ist das denn für ein komischer Schatz?“

Fritz wurde ganz rot unter seinem schwarzen Gefieder. Aber dann sah er Xia, die ihm ermutigend zunickte.

„Wisst ihr was?“, sagte Fritz stolz, „mein Nest sieht aus wie ein Regenbogen. Und es macht mir Spaß.“

Die anderen Elstern schauten genauer hin. Tatsächlich – zwischen dem Kaugummi und dem Socken waren wunderschöne bunte Federn, Blätter, Blüten und funkelnde Steine.

„Das … das sieht ja richtig schön aus“, staunte eine junge Elster. „Viel interessanter als unsere grauen Sachen.“

Bald hatte Fritz viele Freunde gefunden, und gemeinsam machten sie den ganzen Wald bunter und fröhlicher.

„Danke, Xia“, sagte Fritz glücklich. „Du hattest recht – mein Leben ist jetzt viel interessanter.“

Xia lächelte. „Siehst du? Manchmal muss man sich nur trauen, etwas anderes zu machen. Dann wird alles viel bunter und schöner.“

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