Zwei Stimmen, ein Kaffee, null Schmetterlinge

Auf der Terrasse liege ich auf der Liege und schaue über Graz hinweg. Ein Rascheln im Baum neben mir lässt mich aufblicken. Ein Vogel sucht etwas zum Fressen. Weiter unten grasen die Schafe gemächlich auf der Wiese und die Vögel ziehen ihre Kreise über mir am Himmel. Wie immer in den Bergen gibt es keinen Wind. Im Hintergrund höre ich den Ruf eines Bussards. Es könnte nicht besser sein – der Kaffee dampft warm in meiner Hand, ich seufze wohlig und lasse mich tiefer in die Liege sinken.

Wenn da nur nicht… Graz eine einzige Baustelle wäre und ich hier oben die Presslufthammer hören würde.
Doch dann kommt der beruhigende Gedanke auf: Es ist gut, es bewegt sich etwas, es wird dafür gesorgt, dass wir die Straßen befahren können.

Das Teufelchen in mir meldet sich zu Wort: „Das können die doch auch dann tun, wenn du nicht hier bist.“

„Moment“, ruft das Engelchen in mir, „du hast dir doch den Standort ausgesucht, um nicht einsam auf einer Hütte zu sitzen, sondern die Stadt in der Nähe zu haben.“

„Stadt in der Nähe, ja, aber doch nicht so laut! Das ist kein normaler Stadtlärm.“

„Ooooooohhhhhhhmmmmmmmm…“

„Ach, du mit deinem Ohmmm. Hilft doch jetzt nicht mehr!“

„Ooooooohhhhhhhmmmmmmmm…“

„Lass mich in Ruhe, ich will mich jetzt aufregen!“

„Aber schau doch mal den Baum in voller Blüte, wie…“

„Nun läuten auch noch alle Kirchenglocken. Was hat die Kirche nur immer damit? Unglaublich!“

„Wie schön der Baum ist…“

„Jetzt auch noch der Krankenwagen. Oder ist es die Polizei? Zumindest haben sie ihre Sirenen auf volle Lautstärke gestellt.“

„Wie schön er blüht und guck doch mal…“

„Nerv nicht!“

„Nun guck doch mal.“

„Was?!“

„Na, den Baum mit den tollen Blüten.“

„Wo?“

„Na, rechts neben dir. Ach, wie schön der…“

„Ja, ganz nett. Wann kommt denn die Polizei an?“

„Und wie schön der Vogel aussieht.“

„Was willst du denn? Du nervst!“

„Na, schau dir doch den Vogel in der Tanne an, wie er da sitzt, so ruhig und gelassen.“

„Wo?“

„Na, da oben.“

„Ach da. Ja ganz nett.“

„Und die Bienen und…“

„Die Polizei ist immer noch nicht angekommen. Haben die eine Verfolgungsjagd?“

„Wie die Bienen und Hummeln hier rumfliegen…“

„Oh ja, Hummeln finde ich witzig. Zeigt, dass auch plüschige Lebewesen sich gut bewegen können. Sag mal, hast du das gesehen?“

„Was denn?“

„Ja, nicht nur die Tiere beobachten – da liegt ein Apfel auf einem Tannenzweig. In etwa zwei Meter Höhe. Siehst du? Der Apfelbaum ist etwa zehn Meter entfernt, oben auf dem Berg. Was für ein Weg. Erst herunterfallen und dann mit hoher Geschwindigkeit den Berg runter gerollt und dann irgendwie über einen Stein in die Höhe geschossen und auf dem Ast liegen geblieben. Lustig.“

„Und was siehst du noch?“

„Den Himmel. Der ist heute interessant in den Farben. Dunkelblaue Wolken, die, je näher sie zu mir kommen, heller werden, und über mir einen blauen Himmel. Die Sonne strahlt auf Graz. Ich sitze noch im Schatten, es ist angenehm warm. Oh – jetzt kommt die Sonne noch herum.“

„Was nimmst du noch wahr?“

„Ein Vogel flog gerade vorbei. Scheint es eilig zu haben.“

„Ist das nicht schön. So viele unterschiedliche Vogelstimmen.“

„Oh, noch ein Vogel, der es eilig hat. Wo sind denn die Schmetterlinge heute?“

„Ich weiß nicht, vielleicht kommen sie noch. Was noch?“

„Die Tanne hat viele Tannenzapfen. Ich höre einen Traktor, der hier den Berg hochkommt. Wird wohl für den Nachbarn sein.“

„Was noch?“

„Störe jetzt nicht, ich beobachte die Hummeln…“

„Ooohhhhmmmmmmm“

„Schau mal, ein Flugzeug fliegt über uns hinweg. Wo es wohl hinfliegt?“

„Ist das wichtig?“

„Nur so ein Gedanke.“

„Bist du noch da?“

„Ja, wieso?“

„Du bist so still.“

„Ich schau mir den Himmel an, höre die Hummeln und Vögel zu und versinke darin – so mitten in der Natur.“

„Ooooooohhhhhhhmmmmmm…“

„Ja, ooooohhhhhmmmmmm…“

„Na bitte, geht doch!“

„Ja, danke, geht doch.“

„Und was willst du heute machen?“

„Ich bleibe noch kurz sitzen und genieße den Moment. Später mache ich mir noch einen Kaffee und gehe arbeiten.“

„Das klingt doch gut.“

„Das ist gut.“

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